Löbau, Rosenbach-Bischdorf - Brücke über das Rosenhainer Wasser, Richtung Löbau
 
Bischdorf bei Löbau, Kreuzung Bernstädter Straße - Brücke über das Rosenhainer Wasser, 
nach dem Hochwasser am 14. Juli 1932
Bildquelle: unbek. Fotograf, Sammlung Gunter Raschke
 
"Nächtliche Fahrt durch das Katastrophengebiet
Im Wagen der Amtshauptmannschaft wurde uns Gelegenheit gegeben, das Katastrophengebiet
noch während der Überschwemmung zu besichtigen. Der nachstehende Bericht kann ledoch noch keinen
vollständigen Überblick über das vielseitige Geschehen in den betroffenenen Ortschaften gewähren.
D. Red.
Unheil verkündende Wolken zogen nach einem brütend heißen Tage am Donnerstagnachmittag herauf.
Gegen 5 Uhr nachm. entlud sich das Wetter mit heftigen elektrischen Entladungen dicht östlich des Löbauer Berges.
Blitz auf Blitz sah man flammend niederfahren, und Donnersalven schmetterten krachend. Die Stadt selbst bekam jedoch
nicht viel von dem Unwetter zu spüren. Mit Bangen dachte man aber an die Bewohner der Dörfer, über die das Unwetter hereinbrach.
Die schwärzesten Vorstellungen trafen nicht das, was sich in den Dörfern Herwigsdorf, Bischdorf, Rosenhain, und in den Gemeinden im Pließnitzthal abspielte. Hier trat eine Sintflut auf, wie sie die Bewohner seit 1880 nicht mehr erlebt haben.
In der 8. Abendstunde drangen Hilferufe der betroffenen Gemeinden nach Löbau, worauf sich Herr Amtshauptmann Dr. von Burgsdorff, Herr Verwaltungssekretär Fritzsche, Herr Hauptmann Tschoeltsch und unser Berichterstatter sofort in das Hochwassergebiet begaben.
Die Fahrt ging zunächst nach Bischdorf.
Über das niedere Rittergut ist überhaupt nicht an den Ort heranzukommen. Aber auch die Bezirksstraße kann das Auto gerade noch passieren, denn auf der Brücke an der Straßenkreuzung klafft ein tiefes Loch, das von Minute zu Minute erweitert. Mit Entsetzen sieht man, daß das Wasser in Geländerhöhe die geräumige Brücke noch überschwemmt hat.
Wie mag es da in den tiefgelegenen Häusern aussehen! In Höhe der Stallfenster, mehr als 3 Meter über dem normalen Wasserspiegel kennzeichnet sich der Höchststand des Wasser am nächsten Gut. Das Haus von Richard Schmidt ragte nur noch mit dem Dach aus dem Wasser, die veängstigten Bewohner saßen auf dem Dachfirst, da die Wohnräume bis zur Decke im Wasser standen. Hier war es hohe Zeit, daß der Motorspritzenzug der Löbauer Feuerwehr unter Führung von Brandmeister Proft energisch und umsichtig eingriff. Unterhalb der Brücke dringen fast aus jedem Hause Hilferufe. Die entsetzten Bewohner sahen hier die Flut mit solcher Geschwindigkeit steigen, daß sie kaum noch das Kleinvieh in die oberen Stockwerke bringen konnten. Bis zum Leib im Wasser gegen die Fluten kämpfend, ziehen die Einwohner ihre Kühe in höher gelegene Gebäude. Die Talaue ist im Nu ein See, die Dorfstraße wird zum Strom. Von der Gewalt des Wassers macht man sich eine Vorstellung, wenn man das dichtgefügte Kleinpflaster auf weite Stellen vollständig weggerissen sieht. An einzelnen Stellen ereignen sich dramatische Szenen.
Im Kretscham bemühen sich die Hausbewohner, die Kühe in die Scheune zu bringen.  Die Enkeltochter kann plötzlich weder vor noch zurück. Der Kretschamwirt bringt sie glücklich hinüber, wird aber selbst bei der Rettung einer Kuh von den Fluten auf dem Hof mitgerissen und wäre beinahe ertrunken. Die Kretschamwirtin, die in der Gaststube die Postsachen noch retten will, sieht sich plötzlich ringsum eingeschlossen. An den Fenstern brandet in Kopfhöhe die tobende Flut an die Fenster und die Tür ist nicht mehr zu öffnen, denn durch den Hausflur strömt in Brusthöhe das Wasser. Die Schweine im Stall können mit hochgestellten Vorderbeinen eben noch die Rüssel aus dem Wasser strecken. An der Hausecke reißt die Flut bedenklich Erdreich und Pflasterung weg.
So wie hier geht es fast in jedem Hause des Niederdorfes zu. Ein Bauschuppen des Baumeisters Moraweck mit Baumaterial schwimmt ab und liegt später auf einer Brücke im Niederdorf. Im Grundstück von Golbs wird der Pferdeschuppen weggetragen und bei der Materialwarenhandlung von Schubert fast sämtliche Hintergebäude. In den Kellern schwimmen die Vorräte der Leute und sind zum größten Teil verdorben. Die Feuerwehr muß überall Mensch und Tier bergen. An einer Stelle wird ein kranker, alter Mann herausgetragen, an anderer Stelle eine schwangere Frau aus höchster Not gerettet. Der Schaden an Straßen, Wegen und Häusern ist unermeßlich. Die neu vorgerichteten Gasträume des Gasthofs zur Hoffnung standen in Tischhöhe unter Wasser, die Wirtsleute waren beide ortsabwesend." 
Quelle: Sächsischer Postillon, 15. Juli 1932
 
siehe auch > Das friedliche Rosenhainer Wasser